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Drei Monate in Reading

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Handgezeichnet Deckung von Hildegard Stephans Bericht "Drei Monate in Reading" mit eine Karte von Großbritannien und das Wappen von Reading

Drei Monate in Reading
von Hildegard Stephan, 1949

Handschrift: Drei Monate in Reading: Ein Bericht über die Englandreise vom 13. April bis zum 15. Juli 1949 nach Aufzeichnungen in meinem Tagebuch.

Ein Bericht über die Englandreise vom 13. April bis zum 15. Juli 1949 nach Aufzeichnungen in meinem Tagebuch.

Die Fahrt über das Meer. 

Ankunft in Reading. 

Ostertage am Strand. 

Was ich in Reading sah und erlebte: 

Das Haus, in dem ich wohnte. 

Meine Pflegeeltern. 

In der "Alfred Sutton-school". 

Auf Streifzügen durch die Stadt. 

Bei Ausflügen in die Umgebung. 

Bei einem Aufenthalt in London. 

Als Gast bei Engländern. 

Mit deutschen Kindern zu Hause. 

Auf Besuchen bei Nachbarn. 

Abschied und Rückreise. 

Die Ankunft in Düsseldorf.

Foto vom Tor der ehemaligen Readinger Abtei

Endlich war der Tag der Abreise gekommen. Ich hatte gar nicht recht daran geglaubt, daß ich das große Glück haben sollte, nach England fahren zu dürfen. Aber als der 13. April kam, ging es wirklich bereits um vier Uhr morgens mit meinen Eltern zum Bahnhof, von dem aus die Fahrt begann. Alle fünfundzwanzig düsseldorfer Kinder, die nach Reading eingeladen worden waren, bestiegen in Begleitung von Fräulein Siemons kurz nach fünf Uhr den D-Zug nach Hannover, wo wir gegen elf Uhr eintrafen. Dort fand in einem Hotel eine nochmalige ärztliche Untersuchung statt, und unsere Gepäckstücke werden von Zollbeamten kontrolliert.

Zeichnung von Hildegard Stephan: Holland - Windmühlen, Kuhe, Felder, Bäume

Am nächsten Morgen ging es mit einem englischen Urlauberzug durch Holland an das Meer. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich ein fremdes Land kennen. Mir fielen die zahlreichen Windmühlen auf, die auf den Anhöhen standen, die unzähligen Kanäle, von denen die grünen Wiesen durchzogen werden und die vielen bunten Kühe, die sich auf den Weiden tummelten. Nie zuvor hatte ich solch'riesige Hühnerfarmen gesehen. Die Wohnhäuser waren zwar meistens klein, machten aber einen sehr sauberen, wohlhabenden Eindruck. Mit solchen Beobachtungen, mit Plaudern, Lachen und Scherzen verging uns die Zeit sehr rasch.

Zeichnung von Hildegard Stephan: Dampfschiff

Um 2115 Uhr (holl. Zeit) erreichten wir in bester Stimmung Hoek van Holland. In diesem Hafen bestiegen wir das große Schiff, das uns über den Kanal brachte. Wir werden in Kabinen verteilt, und jedes Kind erhielt ein Bett zugewiesen. Aber oft sind wir in dieser Nacht aufgestanden und hinauf auf das Deck gelaufen, um das Meer zu sehen. Denn inzwischen hatte die Überfahrt nach England begonnen, und die See war Gott sei Dank sehr ruhig, so daß niemand seekrank wurde. Morgens um sechs Uhr legte das Schiff in dem englischen Hafen Harwich an und wir gingen an Land. Mit der Eisenbahn gelangten wir noch 

Foto: Nach der Ankunft in Reading: Donnerstag, den 14. April 1949

am Vormittag bis nach London, das wir in einem Omnibus durchquerten, der uns in zweistündiger Fahrt nach Reading brachte.

Dort begrüßte uns am Rathaus Mrs Cusden, deren Gatte uns in Düsseldorf abgeholt hatte. Ihr dankten wir dadurch, daß wir ein deutsches Volkslied sangen und eines der Mädchen in englischer Sprache antwortete. Darauf wurden wir Kinder unseren Pflegeeltern vorgestellt und ihrer Obhut übergeben. Ich wurde von Mr & Mrs Openshaw in Empfang genommen, einem noch jungen, sehr freundlichen Ehepaar, und gleich in ihr Auto gebracht.

Aber wir fuhren nicht "nach Hause", sondern direkt an die 

Postkarte: Eastgate (?), Hayling Island

Postkarte: ?????stoke Beach und Club, Hayling Island

Hayling Island

Südküste Englands, wo die Familie Openshaw auf der kleinen Insel Hayling ein Sommerhaus besitzt. Das war für mich eine ungeahnte Überraschung. Schon immer hatte ich mir einen Aufenthalt an der See gewünscht, und niemals war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Die Ostertage 1949 werden mir deshalb unvergeßlich bleiben. Den ganzen Tag lief ich in der warmen Sonne am Strand umher, legte mich in den heißen Sand oder suchte farbige Muscheln, die überall zu finden waren. Nach den Feiertagen ging es in meine neue Heimat, nach Reading.

Das Haus meiner Pflegeeltern lag nicht im Zentrum, 

Foto (Postkarte?): St Lawrence's Church, Reading von Market Place

St Lawrence's Church

Foto (Postkarte?): Broad Street, Reading von der Nordseite am westen Ende

Broad Street

sondern in einer Vorstadt. Es war ein Stockwerk hoch und enthielt sechs Räume. Ich bekam ein kleines Zimmer im ersten Stock, hielt mich aber meistens in dem gemeinsamen Wohnraum der Familie auf.

Schnell hatte ich mich mit Mr & Mrs Openshaw angefreundet. Außer mir waren noch zwei Kinder im Hause, die kleine Dannette, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, und deren einjähriges Brüderchen. Während es mir in den ersten Tagen sehr schwer gefallen hat, die fremden Laute zu verstehen, gewöhnte ich mich bald an die englische Sprache und konnte auch einer Unterhaltung folgen und deren 

Postkarte: St Mary the Virgin Church, Reading

St Mary the Virgin Church

Sinn begreifen. Wenn ich die Bedeutung eines Ausdruckes nicht wußte, nahm ich schnell mein Wörterbuch zur Hand und schlug darin nach. 

Nach den Osterferien begann auch für mich der Unterricht in der "Alfred Sutton-School", die ich täglich von 840 Uhr bis 16 Uhr besuchte. Auch über Mittag blieben wir in der Schule und bekamen dort Mittagessen. Wir hatten Englisch, Französisch, Mathematik, Geometrie, Erdkunde, Biologie, Zeichnen, Musik, Turnen, Gymnastik, Handarbeit und Kochen. In den meisten Fächern war es mir unmöglich, dem Unterricht zu folgen, da ich die Erklärungen des Lehrers nicht 

Postkarte: Caversham Church und die Themse, Reading; Blick über der Themse nordlich vom Thamesside Promenade

Caversham Church and River Thames, Reading

Maiwand-Löwe-Denkmal, Forbury Gardens, Reading; Blick vom NW

Maiwand Lion, Forbury Gardens, Reading

verstand. Wir deutschen Kinder wurden deshalb mit anderen Dingen beschäftigt, bekamen illustrierte Bücher zum Ansehen oder mußten Übersetzungen aus dem Deutschen ins Englisch und umgekehrt machen. Die Schulstunden vergingen auf diese Weise sehr langsam und wir konnten deren Ende immer kaum erwarten. Umso schöner war aber das Kochen. Wir backten allerlei Kuchen, machten die verschiedensten Kremspeisen, stellten bunte Gemüseplatten zusammen und bereiteten sogar vollständige Gerichte für den Mittagstisch. Alle diese Speisen schmeckten uns herrlich. Die englischen Schüler und Schülerinnen trugen einheitliche 

Schloß Windsor      St George's Chapel. Windsor

Die Themse in der Nähe von Windsor  St George's Chapel, Windsor

Windsor

Kleidung, und zwar die Jungen lange, graue Hosen und weinrote Jacken und Mützen, die Mädchen dunkelblaue Röcke und weiße Blusen mit bunten Krawatten. Auch fiel mir auf, daß die Lehrer und Schüler sich sehr ungezwungen miteinander unterhielten, der Respekt aber trotzdem gewahrt wurde.

Nach der Schule begann meine Freizeit, da ich keine häuslichen Aufgaben zu machen brauchte. Auf meinen Streifzugen durch Reading besichtigte ich dessen Sehenswürdigkeiten, die alten Kirchen und Denkmäler, betrachtete die Auslagen der Geschäfte, schlenderte durch die schönen Gartenanlagen oder sah dem Treiben auf dem altertümlichen Marktplatz zu.

Ebenso interessant waren die Erlebnisse auf den Ausflügen in der Umgebung der Stadt. Oft ging es im Auto an einem Sonntag die Themse entlang oder in die nahen Wälder. Nicht vergessen werde ich den Eindruck, den das gewaltige "Windsor castle" auf mich gemacht hat. Es erschien mir wie ein richtiges Märchenschloß.

Den Höhepunkt meiner Erlebnisse bildete aber der Tagesausflug nach London. Mr Cusden hatte mich hingebracht, und eine Bekannte nahm mich am Bahnhof Paddington in Empfang. Der Verkehr in der "City" 

Postkarte: Selfridges, Oxford Street, London

Selfridges, Oxford Street, London

Postkarte: "Tower of London" mit "Tower Bridge"

Tower of London with Tower Bridge

übertraf alle meine Verstellungen. Sämtliche Völker des englischen Weltreichs waren dort anzutreffen, Neger, Indier, Chinesen, Malayen und noch viele andere Ausländer. Von den großen Gebäuden, die ich sah, sind besonders das mächtige Geschäftshaus Selfridges in der Oxford-Street, das Parlament, die St. Paul's Cathedral, Westminster Abbey und der "Tower" mir in Erinnerung geblieben. Beim "Buckingham Palace", dem königlichen Schloß, haben mir die Wachen sehr leid getan, die in ihren roten Uniformröcken und den schweren Bärenmützen auf den Köpfen unbeweglich in der Hitze stehen mußten.

St Paul's Cathedral, London         Westminster Abbey, London

St Paul's Cathedral, London and Westminster Abbey, London

Aber auch in Reading gab es immer neue Ereignisse. Einmal waren wir Gäste der englischen Jugend, die uns in ihr Zeltlager in der Nähe der Stadt eingeladen hatte. Ball- und Rasenspiele wechselten ab mit Tanz, Gesang, Essen und Trinken. Wir sangen deutsche Heimatlieder bei Gartenfesten, zu denen Erwachsene und Kinder erschienen waren, und bei denen Tee und Süßigkeiten verabreicht wurden.

Wir deutschen Kinder durften uns manchmal auch gegenseitig in die Häuser der Pflegeeltern einladen, wobei es immer sehr lustig zuging. Heimweh haben wir niemals gehabt.

Parlamentgebäude, London   Buckingham Palace, London

Parliament, London and Buckingham Palace, London

Mit den Kindern unsere Nachbarn, der kleinen Eileen und John, verhanden mich bald enge freundschaftliche Beziehungen. Täglich ging ich mit ihnen zur Schule, war oft bei ihnen zu Besuch, machte mit ihnen Spaziergänge, und wurde von ihnen zum Geburtstag eingeladen. Sie spielten mit mir und weihten much auch in alle ihre Pläne ein und schreiben heute noch lange Briefe an mich.

So ist es nicht verwunderlich, daß die drei Monate, die bei Antritt der Reise so undendlich vor mir lagen, ein allzuschnelles Ende genommen haben. Am 14. Juli kam der Tag des Abschieds von Reading. Es flos- 

Piccadilly Circus, London   Trafalgar Square, London

Piccadilly Circus, London and Trafalgar Square, London

sen viele Tränen, als wir von der "Town-hall" mit dem Omnibus wieder abfuhren. Über London ging es nach Harwich, und von dort über Hoek van Holland zurück nach Deutschland. Dieses Mal war das Meer im Kanal in starker Bewegung, und viele Kinder wurden deshalb seekrank.

Wie auf der Hinfahrt so hatte uns auch auf der Heimreise Mr Cusden begleitet. Auf dem Hauptbahnhof wurdern wir von Frau Oberstudiendirektorin Dr Kogge, Frau Studienrätin Dr Bücker und unseren Angehörigen freudig begrüßt. Manche von den Kindern waren so groß und stark geworden, daß sie kaum wiederzuerkennen waren. Fräulein Siemons hatte sich in der ganzen Zeit stets hilfsbereit gezeigt und uns in unseren kleinen Nöten beigestanden. Im Anfang wurde es mir schwer, mich an das Leben und die altgewohnten Pflichten in Deutschland wieder zu gewöhnen. Aber nun gehe ich mit neuem Mut gern wieder an meine Arbeit.

Hildegard Stephan.

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12. März 2010