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Briefe von Hildegard Stephan, 1949

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Text in English

Hier sind drei Briefe, die Hildegard Stephan während ihren Besuch in Reading von April bis Juli 1949 nach Düsseldorf gesandt hat.  Die ersten zwei Briefe kamen wahrscheinlich zu uns in den ursprunglichen Umschlagen, sonden der dritte Briefe war in einem Unschlag, der eine Monat vor dem Datum von dem Brief gestempelt würde.

Einige Wörter sind schwierig zum Lesen.

Britische Briefmarke von 3 Pence, mauve, Kopf vom König George VI, mit Poststempel READING BERKS. 2.15 PM 20 APR 1949

Hildegard Stephan bei Openshaw
                                                                    19. Amherst R.D.
                                                                    Reading
                                                                    Berkshire Engl.

Meine Lieben!

Endlich komme ich dazu Euch zu schreiben.  Ich bin hier bei einer sehr netten Familie.  Nun will ich etwas von meiner Reise erzählen.  Um 11 Uhr kam ich in Hannover an.  Wir stiegen in einem Buß und fuhren zu einem Engl. Hotel „Hahnenburg“.  Dort war eine Untersuchung und Zollkontrolle.  Am nächsten Tag fuhren wir wieder zum Bahnhof.  Nun stiegen wir in einem Eng. gepolsterten Zug und fuhren fast die selbe Strecke zurück.  Wir fuhren ein paar Stunden durch Holland.  Als wir in „Hook of Holland“ waren stiegen wir in einem Riesendampfer der gegen 815 Holl. Zeit abfuhr.  Seekrank bin ich nicht geworden.  Es war gar nicht schlimm mit der Fahrt.

Um 6 Uhr kamen wir in Eng. an.  Wir stiegen nun in einem Zug und fuhren nach London.  Als wir dort waren, setzten wir uns un einem Buß und durchquerten London.  In Reading wurde ich von meinen Pflegeeltern empfangen, ich fuhr nun mit ihnen in ihrem Personenauto (2½ St. Lang) an die See wo sie ein Sommerhaus (Bungalow) haben.  Am Meer war es herrlich.  Bis jetzt hatte ich einfach herrliches Wetter.  Es ist sehr heiß (warm).  Ich habe Sonnenbrand.  Seit gestern bin ich in der richtigen Wohnung.

Am Freitag bekam ich ein Paar Sandalen (Kreppsohle) und Ostern Schokoladeneier und ein feines Zusammenlegespiel.

Hier ist eine junge Katze.  Heute wurde ich untersucht, gemessen und gewogen und fotographiert mit den andern Kindern.

Heute sah ich auch Fräulein Siemons.  Sie ist furchtbar nett.

Viele herzliche Grüße

u. 1000 Küsse

            sendet Hilde

Ganz besondere Gruße an Füllings

Dr. Kehren  Eberhard Luzel. Schisela
                                                wund????

 

Britische Briefmarke von 3 Pence, mauve, Kopf vom König George VI, mit Poststempel READING BERKS. 2.15 PM 29 APR 1949

Meine Lieben!

Als ich heute zur Schule gehen wollte steckte der Brieftrager gerade Eurer Brief in den Kasten.  Ich war sehr glucklich als ich ihn erhielt.  Die anderen Kinder hatten schon Post von zu Hause.  Kein Tag geht mit Langweile dahin.  Hier ist ein Klavier, eine Katze, ein Radio und vor allem zwei kleine Kinder.  Der kleine Junge ist 1 Jahr alt und das Mädchen 4 Jahre.  Das Haus hier erinnert mich an keins meiner Bekannten.  Es hat 6 Räume, Bad und Dielen.  Ich schlafe mit dem kleinen Mädchen in einem netten Zimmer.  Meine Pflegeeltern sind ziemlich jung.  Unser Haus liegt nicht in der Innenstadt.  Ausserhalb die Gegend ist herrlich.  Der Flieder blüht in jedem Garten und es duftet so richtig nach Frühling.  Oft bin ich mit John und seiner Schwester zusammen.  Sie leisten mir recht viel Gesellschaft.  John führ mir seine Filme vor oder wir machen einem Spaziergang.  John zeigt mir auch richt viel um z.B. einem Weier oder „the water-tower“.  Ich wurde sogar einmal zum Tee eingeladen.  Vor einigen Tagen machte ich mit Mr O. Auto eine zweistündl. Fahrt durch Readng und Umgeb.  Furchtbar oft geh ich och zum Park.  In den vorigen Tagen erhielt ich drei Paar weiße Socken und einem knallroten Wettermantel.  Es wurde extra also gekauft.  Gestern kaufte ich mir eine Menge Schokolade.  Ich erhalte every Woche 30 Pence (eine halbe Krone).  Für eine kleine Tafel Schokolade 5 ½ Pence.  Aber ich kann nicht so viel kaufen, denn Briefe, Briefe, Briefe.  In den nächsten Tagen muß ich meinen Lehrerinnern schreiben.  Oh weh!  Und für zwei Briefe erhalte ich eine Tafel Schokolade.

Verstandigen kann ich mich gut, ich weiß was ich will, ich sehe mich durch und zu still sein?  Umwegen ich babbel den ganzen Tag.  Nun bin ich ja in der Schule, seit dem 26 IV 1949, herrlich kann ich Euch sagen.  Ich lerne Kochen und Backen.  9 Schulstunden haben wir am Tag, Morgens und Nachmittags.  Heute hatten wir 3 Stunden Französisch.  La . . ng . . weili . . g wie nur was ich habe kein Wort verstanden.  Christa Rose ist in meiner Klase.  Wir setzen zusammen.  Wenn die andern lernen, gucken wir in Bilderbücher.  Der nette Engl. Lehrer nimm sich unsrer an.  Er kann Deutsch!!!

Heute hatten wir auch zwei Stunden Biologie.  a ha! Ich hatte ein Blatt zu zeichnen.  Zwei St. Mathes hatte ich auch (Kanninverstan!)

Wenn ich zurück nach D.dorf komme werdet Ihr mich nicht mehr erkennen.  Jeden tag isse ich ein-2 Ei (2) Speck, und ich trinke nur Nesskaffee und Tee.  Es ist schon sehr, sehr spät.  Gestern habe ich doch an Euch einen Brief geschrieben aber den habe ich zurissen.  Seid so gut und geht einmal in den Keller.  Da liegt in der einen Kiste ein Heft mit ganz glatten Papier.  Schickt das bitte, ich bekäme best. auch hier Papier aber ich frage nicht.  Mein Taschengeld ist zu schade.  Lieber kaufe ich eine Dose Nesskaffee!  Lockt euch das nicht?  Ich kann auf dem Papier nicht schreiben was ich erhielt.  Den Hund schafft ja an.  Nur nicht zu viel füttern, ich will nicht ein kl. Schweinchen an der Leine führen.

Tausend Grüße und Küsse an Euch alle sendet Eure
                                                                                    Hilde

Sagt allen Leuten sie sollen mir schreiben.  Sie werden auch ein Stuck Schokol. kriegen.

[seitwärts]

Der Satz, viele lb. Gr. von dem b. Vati ist apaclar.  Ich wurde mich sehr über einen pe?lichen Br. Freu

[normal an der letzten Seite]

Endschuldigt die Klaue aber ich bin schreckl. müde.  Die 100 Fehler rechnet nicht an die D. Rechtschr. habe ich noch nicht vergessen.

Der Weg zur Schule ist 5 Min.

Viele Grüße an Fam. Fülling und alle, die gegrüßt sein wollen.

Alle Leute sagen über meine Haare: „Oh, lovely“.

Hatte ich Dauerwelle säh ich wie eine Wildkatze aus.

Viele liebe Grüße v. den Pflegeeltern

Schreibt bitte recht, recht viel nicht immer auf ein Brief v. mir warten.

 

Britischen Briefmarken von 2 Pence, orange und 2 1/2 Pence, blau, Kopf vom König George VI, mit Poststempel READING BERKS. 7.15 PM 6 JNE 1949 und  Aufkleber BY AIR MAIL (per Luftpost)

19, Amherst Road,
                                                                                                Reading
                                                                                                            Berkshire
                                                                                                                        7. July 49

 

            Meine Lieben!

Recht herzlichen Dank für den lieben Brief.  In der letzten Zeit habt Ihr wirklich sehr wenig geschrieben.  Ich hoffe aber sehr, daß ich noch Briefe kriege.

Ja, heute in einer Woche sitze ich im Zug und muß zurück nach Deutschland.  Die Zeit ging wirklich wie im Blitz dahin und schön war sie auch, - sehr schön.  Ich erinnere mich noch recht gut als ich hier ankam, mir alles so fremd vorkam und ich dachte .. drei Monate bleibst Du nun hier.  Aber die drei Monate waren wie drei Wochen.

Gestern bekam ich einen dreiseitenlangen Brief von Frau Horn, meine Klassenlehrerin worin sie schreibt, daß Frau Köhler sich den Arm gebrochen hat.  Aber den Brief habe ich mich sehr gefreut.

Ich habe auch Joan geschrieben, ist Lilli endlich beruhigt?  Mutti und Vati schrieben, daß wenn ich wiederkomme ein großes Fest gefeiert würde.  Ich hoffe zwar nicht, daß mir Graupen und Erbsen vorgesetzt werden.  Aber ein schönes „Rheinisches Schwarzbrot“, das würde mir gefallen.

Tante Toni und Gitti habe ich auch schon geschrieben.  O, ich habe 40 Briefe geschrieben und immer noch zu wenig aber nun habe ich keine Zeit mehr und ich muß mich zur Abreise rüsten. 

In der Schule waren für die englischen Kinder Examen.  Wir haben Gesellschaftsspiele gemacht.  In der vorigen Woche war das Wetter kochend heiß nun ist es etwas kühl.  Den Sonntag verbrachte ich mal wieder am Meer.  Ich bin sehr traurig, daß ich keinen Badeanzug hier habe, aber wenn ich zurückkomme schleife ich Lilli in die Badeanstalt und dann muß sie mir das Schwimmen beibringen.

Mit Christa verstehe ich mich immer noch so gut.  Wir sind immer zu dritt.  Ursula ein anderes Mädchen ist oft mit uns zusammen.  Sie ist sehr nett.  Gestern durfte ich eine kleine „Party“ veranstalten.  Wißt Ihr wer da war? ... Fräulein Siemons.  Über ihren lieben Besuch habe ich mich unaussprechlich gefreut.  Ursel und Christa waren auch da.  Vier Stunden waren wir zusammen und es gab viel Spaß.  Mrs Openshaw hat netter Sachen gekauft Kuchen und Obst und so was alles und dann habe ich noch ein paar so Tischkärtchen gemalt.  Danach gingen wir in ein anderes Zimmer wo wir ganz alleine waren, machten lustigen Spiele, Flaschenlaufen und so was zum drauf-rein-fallen.  Im Abend fuhren wir mit Frl. Siemons in die Stadt und brachten sie zu ihrem Bus.

Heute werde ich Frl. Siemons auch wieder sehen.  Ich fahre in die Stadt zu Mrs Cusden.  Ich möchte Fräulein Siemons aber auch in Düsseldorf wiederzusehen.  Am Freitag haben wir in der Schule ein Abschiedsfeier.  Nun geht es dem Ende zu.  Das ist doch wirklich ein langer Brief nicht?  Und der allerletzte!!!  Alles andere werde ich dann erzählen.  Das Tagebuch ist viel zu klein.  Nun freue ich mich auf ein gesundes Wiedersehen mut allen Lieben in Düsseldorf.

[seitwärts]

Es grüßt und küßt Euch alle die große, fette Hilde.

Auch Füllings viele Grüße vom Uhlchen.

Fräulein Siemons grüßt herzlich.

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© Hildegard Stephan 1949
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12. März 2010